Vom Lachen und der Freiheit

Es gibt verschiedene Arten des Lachens. Laut, leise, rollend, fake, unpassend… und dann gibt es das tiefe echte Lachen aus dem Bauch heraus. Das Lachen, das die Menschen miteinander verbindet und irgendwann tun die Bauchmuskeln weh und man vergisst Ort und Zeit. Es ist jedoch selten, man erlebt es vorrangig mit Menschen, denen man vertraut, und irgendwie ist es auch sehr kostbar.

In einem früheren Blog-Beitrag habe ich die Frage aufgeworfen, wie viel Freiheit ein Frauenleben verträgt. In diesen Bereich ist sicher auch das Lachen einzuordnen: wie sonst zeigt frau ihre Freiheit, ihre Freude, ihre Lebendigkeit?

Wenn ich diesen Artikel heute lese, spüre ich, dass ich wütend und ausgelaugt war: vom gesellschaftlichen System, das Frauen bewertet, und auch von vermeintlichen gesellschaftlichen Erwartungen. Die Freiheit, von der ich sprach, lag im Außen. Sie sollte uns Frauen von Außenstehenden vergönnt werden. Dieser Text soll nun die eigene, die innere, die individuell verschiedene Freiheit fokussieren. Das ist wohl für jede Frau etwas anderes; für mich ist Freiheit eng mit der persönlichen Lebensplanung und -führung verbunden.

Foto: Heike Rössing

Das Ahoi Camp Canow liegt auf der Mecklenburgischen Seenplatte, und von Hamburg kommend gefühlt relativ weit hinten 🙂 Erst ganz am Ende der holprigen Straße trifft man auf eine angenehme, entschleunigte Parallelwelt, unter Pinien gelegen, der kleine Pälitzsee glitzert angenehm ruhig in der Sonne. Hier bietet der nette Mann am Empfang sogar selbständig und sofort seinen eigenen Schatten-Stellplatz an, damit meine kleine Hündin mit dem Kastenwagen nicht in der Sonne stehen muss. So viel Aufmerksamkeit und Mitdenken bin ich nicht gewöhnt. 

Ich hatte hier das in den sozialen Medien aufgefundene Ahoi female Camper weekend mit der namhaften Autorin Ildiko von Kürthy gebucht, meine Erwartungen waren dabei gar nicht hoch gewesen. Ein bisschen vorlesen, ein bisschen blabla, vielen Dank, da ist Ihre Tür… so oder so ähnlich hatte ich es mir vorgestellt. Diese Erwartung muss ich sehr schnell korrigieren. Hier treten Beruf, Status oder auch Produktivität in den Hintergrund, obwohl viele namhafte Journalistinnen und Medienschaffende anwesend sind. Dies merkt man aber nicht, weil sie es nicht wie ein Schild vor sich hertragen. Die hohe Qualität der programmlich angesetzten Gespräche zeugt davon, auch das Camp-Miteinander ist von Lächeln und Freundlichkeit geprägt. Es geht um Neugier, Literatur, Gemeinschaft, Gespräche und Aktivitäten.

Loslassen geschieht langsam, hier geschieht es aber doppelt so schnell wie sonst. Die vielen anderen Teilnehmerinnen sind allesamt, wie bereits erwähnt, sehr interessante Frauen, auch wenn ich zu meiner Schande gestehen muss, dass – zumindest bei mir – zunächst das allgemein übliche Vergleichen einsetzt. Wer wirkt jünger, schöner, interessanter, freier? Als Ildiko von Kürthy genau von diesen weiblichen Eigenschaften aus ihrem neuen Buch vorliest, fühle ich mich innerlich ertappt und muss grinsen. Sie formuliert so treffend, dass ein schlapper Arm auch einfach mal ein schlapper Arm sein darf, ohne durch zusätzliches Coaching optimiert werden zu müssen. Ich muss noch ein bisschen mehr grinsen. So ganz wird mir die Lesung meine Selbstzweifel nicht nehmen… aber den Beleg, dass fast alle anwesenden Frauen ähnliche Gedanken denken, beruhigt mich etwas. Die grinsen nämlich auch alle 😂

Je weiter das Wochenende fortschreitet, desto mehr gelingt es mir, mich aus meinem alltäglichen Denken zu lösen. Die bunte Vielfalt der liebevoll ausgestatteten Camper der Teilnehmerinnen, die wehenden Sommerkleider, lange und kurze Haare in allen Facetten, Wimpel, zauberschöne Workshops zum Kochen, Blumen binden, Kanu fahren, sporteln, Yoga, das Lagerfeuer… Es ist eine Traumwelt. Bunt, bunt, bunt! Je mehr ich von den anderen Teilnehmerinnen erfahre, desto besser geht es uns allen. Neue Freundschaften entstehen. Die üblichen Kategorien genügen nicht mehr – die Schönheit dieses Wochenendes entsteht durch Vielfalt, Buntheit, Echtheit. Keine nimmt der anderen etwas weg, allein diese Erkenntnis ist unglaublich wertvoll.

Und dann, beim Blumenbinden, beim Loslassen, da passiert es: das Lachen, frei und gelöst, in Gesellschaft. Die Frauen scherzen, binden sich zum Midsommer Blumen in die Haare und genießen den Moment. Meine neue Freundin Heike, die im Camper neben mir steht, hält die ganze Szene fotografisch fest. Sie lebt zu großen Teilen in ihrem wunderschönen Camper, gemeinsam mit ihrem Hund Charly, und erfreut sich an nahezu allem. Durch die App Landvergnügen ist sie hier, dokumentiert, berichtet und lässt sich anstecken, genau wie ich. Am Abend sitzen wir vor unseren Fahrzeugen bei einem Glas Wein, genießen die laue Sommernacht, das ferne Lagerfeuer, das Lichtermeer und können es gar nicht fassen. Es ist so wunderbar, hier sein zu dürfen und das zu erleben! Bis zum Morgen wird geplaudert und gelacht. Der Sonnenaufgang wird vom Floß begrüßt.

Foto: Heike Rössing

Wochenenden wie diese lösen weder den hohen Leistungsdruck unserer Gesellschaft noch die täglichen Sorgen. Auch der Konkurrenzdruck, den Frauen sich untereinander bereiten, wird sicher nicht deswegen verschwinden. Dennoch bleiben die wertvollen Momente zurück aufgrund dieser wunderbaren Veranstaltungsidee. Ich danke dem Ahoi Camp dafür ausdrücklich 🥰 Ganz besonders ist hier wohl die Köchin Rike hervorzuheben; sie hat den Schriftverkehr im Vorfeld geführt, ebenso die Gravel-Bike Touren. In ihren Kochseminaren werden riesige Mengen Gemüse verarbeitet, zahlreiche Woks stehen ums Feuer, das Ganze wirkt durchdacht und gekonnt. Die Energie der jungen Frau bei der Begrüßung haut mich weg.  Es war das erste Mal, dass ich auf eine solch ganzheitlich gedachte Veranstaltung getroffen bin, die meiner eigenen Idee zu Literaturabenden am See ähnelt.

Was ist nun aber meine Antwort auf meinen eigenen wütenden Artikel von vor einem oder zwei Jahren? Wahrscheinlich würde ich es so formulieren: äußere Freiheit ist wichtig. Aber das reicht nicht. Die spannende Freiheit beginnt da, wo ich mich selbst nicht mehr an äußeren Maßstäben messen muss. Wo ich mich neu erleben darf. Gemeinschaft hilft. Gleichdenkende unterstützen. Erfahrungsaustausch ist unsäglich wertvoll. Vielfalt ist nichts Bedrohliches 🙂

Foto: Heike Rössing

Hinweis / Quellen:
Vgl. hierzu aktuelle Beiträge von ZEIT und ZEITmagazin zum weiblichen Körperbild und zur Rückkehr des extremen Dünnideals, u. a. Alicia Kleer zum „Skinny-Trend“ sowie Nora Burgard-Arp: „Geh ins Gymmie, werde skinny“.

EN:

On Laughter and Freedom

There are different kinds of laughter. Loud, quiet, rolling, fake, inappropriate… and then there is that deep, genuine laughter that comes straight from your belly. The kind of laughter that connects people, until eventually your stomach muscles begin to ache and you forget all about time and place. It is rare, though. You mostly experience it with people you trust, and somehow that makes it all the more precious.

In an earlier blog post, I raised the question of how much freedom a woman’s life can actually take. Laughter certainly belongs in that conversation too: how else does a woman express her freedom, her joy, her vitality?

When I read that article today, I can feel how angry and exhausted I was — exhausted by a social system that constantly judges women, and by what I perceived as society’s expectations. The freedom I was talking about back then was something external. It was something that others were supposed to grant us women.

This text, however, is about a different kind of freedom: our own, inner freedom — something deeply individual and different for every woman. For me, freedom is closely connected to the way we choose to shape and live our lives.

Ahoi Camp Canow is located in the Mecklenburg Lake District and, coming from Hamburg, it feels as though it is tucked away somewhere at the very end of the world. 🙂 Only after driving all the way down a bumpy road do you suddenly arrive in a pleasantly slow-moving parallel universe beneath the pine trees, with the little Lake Pälitz glistening peacefully in the sun.

The friendly man at reception immediately offers me his own shady pitch so that my little dog does not have to sit in the camper van in the sun. I am not used to this kind of attentiveness — someone simply noticing what might help without even being asked.

I had booked the Female Camper Weekend, which I had discovered on social media, featuring the well-known author Ildikó von Kürthy. My expectations, to be fair, were not particularly high. A little reading, a bit of small talk, thank you very much, there’s the door… something along those lines was what I had imagined.

I had to revise that expectation very quickly.

Here, careers, status and productivity fade into the background, even though many well-known female journalists and media professionals are attending. You would never know it, because nobody wears their achievements like a badge in front of them. The high quality of the scheduled conversations certainly reflects the experience of the women involved, but the atmosphere throughout the camp is simply one of smiles and kindness. It is about curiosity, literature, community, conversation and shared experiences.

Letting go usually happens slowly. Here, somehow, it happens twice as fast.

As I mentioned before, the other participants are all incredibly interesting women, although I have to admit, somewhat ashamedly, that at first I still fall into the familiar habit of comparison. Who looks younger, prettier, more interesting, freer?

When Ildikó von Kürthy reads from her new book and talks about exactly these female tendencies, I feel slightly caught out and start to grin. She puts it so perfectly: sometimes a flabby arm is simply allowed to be a flabby arm, without needing yet another coach to optimise it.

I grin a little more.

The reading does not completely erase my self-doubt… but knowing that almost all the women around me seem to have similar thoughts is strangely reassuring.

They are all grinning too. 😂

As the weekend goes on, I increasingly manage to free myself from my everyday way of thinking.

The colourful variety of the lovingly decorated camper vans, the flowing summer dresses, long and short hair in every imaginable form, bunting, enchanting workshops for cooking and flower arranging, canoeing, sports, yoga, the campfire…

It is a dream world.

Colourful, colourful, colourful!

And the more I learn about the other women, the better it seems to become for all of us. New friendships begin to form. The usual categories no longer seem sufficient. The beauty of this weekend comes precisely from diversity, colourfulness and authenticity.

One woman does not take anything away from another.

That realisation alone feels incredibly valuable.

And then, while we are making flower crowns, while I am letting go, it happens:

the laughter.

Free, uninhibited laughter, in the company of others.

The women joke around, weave Midsummer flowers into their hair and simply enjoy the moment.

My new friend Heike, whose camper is parked next to mine, captures the whole scene in photographs. She spends a large part of her life in her beautiful camper together with her dog Charly, and seems capable of finding joy in almost everything. She is here through the Landvergnügen app, documenting, reporting and allowing herself to be swept up in the atmosphere — just like me.

In the evening, we sit outside our vehicles with a glass of wine, enjoying the mild summer night, the distant campfire and the sea of little lights around us.

We can hardly believe it.

How wonderful it is simply to be allowed to be here and experience all of this.

We talk and laugh until morning.

And we greet the sunrise from the raft.

Weekends like this will not solve the intense pressure to perform in our society, nor will they make our everyday worries disappear. And the competitiveness women sometimes create among themselves will certainly not vanish because of one weekend either.

But the precious moments remain.

They remain because somebody came up with the wonderful idea for an event like this, and I would like to thank Ahoi Camp for that explicitly. 🥰

One person who particularly deserves mentioning is the cook, Rike. She handled the correspondence beforehand as well as the gravel-bike tours. During her cooking workshops, enormous quantities of vegetables are prepared, several woks surround the fire, and everything feels carefully planned and expertly organised.

The energy of this young woman when she welcomes us completely blows me away.

It was the first time I had encountered an event conceived in such a holistic way — one that actually reminded me of my own idea of organising literary evenings by the lake.

So what, then, is my answer today to the angry article I wrote one or two years ago?

Perhaps I would put it like this:

External freedom matters.

But it is not enough.

The truly interesting kind of freedom begins when I no longer need to measure myself against external standards.

When I allow myself to experience myself differently.

Community helps.

Like-minded people support us.

Sharing experiences is immensely valuable.

Diversity is not something to be afraid of. 🙂

Footnote:
See the recent articles in Die Zeit and Zeit Magazin on female body image and the return of the extreme thin ideal, including Alicia Kleer on the “skinny trend” and the body and food imagery of the 2000s, as well as Nora Burgard-Arp’s article “Geh ins Gymmie, werde skinny” on the comeback of extreme thinness on social media.