
Surfing Munich
Winter, Wasser, Wiederholung
Ein persönlicher Text
Es gibt so Menschen im Leben, die sind da. Sie sind gutherzig, und sie sind da, und das ist schon fast alles, was zählt. Sie machen keinen Quatsch, für sie gelten keine Distanzen und zeitlichen Abstände, sie sind immer wieder da, auch wenn uns das Leben über lange Zeiten trennt.
Einer dieser Menschen ist mein Freund Stephan aus Berlin.
Er hatte mich am Wochenende vor Weihnachten nach München in die neue O2-Surftown eingeladen, mir dort zwei Sessions geschenkt. Was für ein unglaubliches Geschenk.
Ich betrete diesen Raum, diese für Außenstehende eigenartig angeordnete Arena. Man kennt Fußballstadien und Schwimmbäder, das hier ist neu. Eine riesige Anzeigetafel mit bunt und Werbung und dem Mann im Interview, der die Surftown gebaut hat, was er sich dabei gedacht hat. Der Pool, hell, weiß, klares Blau. Das Restaurant, die Terrasse, sehr klar, sehr hell, sehr einladend, sehr modern. Ein kleiner Shop mit Anmeldetresen. Ich trete ein, Stephan ist noch nicht da.
Ein wahnsinnig netter junger Mann hilft mir direkt weiter. Erste Session, aha. Noch nie dagewesen. Meine Aufregung und Schüchternheit weiten sich aus, als ich den Pool durch die großen Fenster näher betrachte. Angst ist auch dabei, dieses “Was habe ich mir nur dabei gedacht?”
Zwei Peaks, links und rechts, aha. Die Wellen sehen hoch aus, die schwarzen Surfer sind kaum voneinander zu unterscheiden, dick in Neopren vermummt mit Kappen.
Das ist auch mein nächstes Ziel, das Einhüllen in Neopren. Die Luft hat 4 Grad C, das Wasser 6… vor einiger Zeit hatte ich den Insta-Post eines mir bekannten Surfcoachs gesehen, wie er im Atlantik mit Kappe surfte, dazu sein Statement: …13 C, not for everybody… Darüber kann ich momentan nur schmunzeln.
In der Umkleide herrscht reges Treiben. Viele Frauen sind da, junge, sportliche, die neuesten Kollektionen von Roxy und O’Neill werden hier tatsächlich getragen. Ich fühle mich wohl, das ist mein Geschmack, meine Welt. Man kommt schnell ins Gespräch, teilt Einstellungen über den Take-Off und die Temperaturen. Manche Frauen kommen für das ganze Wochenende mehrmals im Jahr und buchen dann regelmäßig 4-5 Sessions pro Tag. Ich staune, angesichts der Sportlichkeit und Hingabe. Natürlich stört mich auch wieder mein Bäuchlein und Unzulänglichkeiten in den großen Spiegeln, aber ich schlucke das runter. Hier geht es um viel mehr als um dusselige Selbstzweifel, die mir schon so große Teile meines Lebens schwer gemacht haben. Es geht darum, die Zeit und die Möglichkeiten zu nutzen und zu genießen.
Das Surfen selbst ist hart. Ich bin ja ohnehin keine Take-Off Königin, und das hier bringt mich an den Rand. Die Kälte zieht mir die Kraft aus dem Körper, schnell fühle ich mich steif und ungelenk. Der mittlerweile am Beckenrand aufgetauchte Stephan grinst und gestikuliert und erklärt mir, ich würde alles falsch machen, was man falsch machen kann. Er hat Glück, dass er einer der Menschen ist, die so etwas zu mir sagen dürfen, aber ich habe wirklich andere Probleme. Immer wieder kämpfe ich mich ins Wasser zurück, doch die Versuche werden mitsamt der schwindenden Kraft immer kläglicher.
Am zweiten Tag, nach Nacht in Van und unter der 0 C- Marke, gelingt es besser. Übung macht die Meisterin. Allerdings ist der Triumph nur von kurzer Dauer, ein Nose-Dive kopfüber katapultiert nicht nur mich vors Board, sondern auch Eiswasser unter meine Kappe und in den Neo. Fetter Brainfreeze ist die Folge. Mein Anzug ist hinten aufgegegangen, nur der überheizte Whirlpool kann noch helfen.
Zusammenfassend muss ich sagen, so ein Wavegarden ist kein Ozean. Den will er aber auch nicht ersetzen. Hier kommen die Menschen her, um Technik zu üben, immer wieder, bis es klappt. Denn der Ozean bietet eins nicht: eine immer wieder kehrende Welle, die sich immer gleich verhält. Und das kann die Surftown.
Ich werde im Sommer wiederkommen, um gezielt meine Schwachstellen anzugehen. Danke, München!

EN:
Surfing Munich – Winter, Water, Repetition
A personal text
There are people in life who are simply there.
They are kind-hearted, and they stay.
They don’t make a fuss, distances and long stretches of time don’t matter to them. They reappear, even when life has kept us apart for a long while.
One of those people is my friend Stephan from Berlin.
He invited me to Munich the weekend before Christmas, to the new O₂ Surftown, and gave me two surf sessions as a gift. An incredible gift.
I enter this space, this arena that must look strange to anyone seeing it for the first time. We know football stadiums and swimming pools – this is something else. A huge screen, colorful ads, an interview with the man who built the Surftown, explaining his vision.
The pool: bright, white, clear blue.
The restaurant, the terrace: clean, open, modern.
A small shop with a check-in counter.
I arrive. Stephan isn’t there yet.
A very friendly young man helps me immediately. First session. Never been here before. My excitement and shyness grow as I look through the large windows at the pool. Fear is there too – that familiar thought: What on earth did I get myself into?
Two peaks, left and right.
The waves look high.
The surfers appear almost identical, wrapped in thick neoprene, hoods pulled tight.
Next step: squeezing into my wetsuit.
The air temperature is 4°C, the water 6°C.
Not long ago, I had seen an Instagram post by a surf coach I know, surfing in the Atlantic with a hood, his comment reading: 13°C – not for everybody.
Right now, that makes me smile.
The changing room is busy.
Many women are here – young, athletic, wearing the latest collections by Roxy and O’Neill. I feel comfortable. This is my world, my aesthetic. Conversations start easily: about take-offs, about temperatures. Some women come here several times a year for entire weekends, booking four or five sessions a day. I’m impressed by their dedication.
Of course, my belly and my imperfections catch my eye in the large mirrors. But I swallow that thought. This is about more than the silly self-doubts that have weighed on me for so much of my life. It’s about using the time we have. About enjoying the possibilities.
The surfing itself is tough.
I’ve never been a take-off queen, and this pushes me to my limits. The cold drains my strength, my body grows stiff and heavy. Stephan appears at the edge of the pool, grinning, gesturing, telling me I’m doing everything wrong that can be done wrong. He’s lucky he’s one of the people allowed to say that to me – but honestly, I have bigger problems.
Again and again, I fight my way back into the water. Each attempt grows weaker.
On the second day, after a night in the van below freezing temperatures, things go a little better. Practice makes the surfer. But the triumph is short-lived: a nosedive catapults me headfirst into icy water that finds its way under my hood and into my wetsuit. A brutal brain freeze follows. My suit has come undone at the back. Only the overheated hot tub can save me now.
In the end, a wave garden is not the ocean.
It doesn’t try to replace it.
People come here to work on technique, again and again, until things finally click. The ocean offers many things – but not a wave that behaves the same way every single time. That’s what the Surftown provides.
I’ll be back in summer to work on my weaknesses.
Thank you, Munich.

